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Die Ballade der froschartigen Maid
Ein Ritterdrama in Schlamm und Wahnsinn
Oh, du wunderschöne holde Maid,
ich bin von dir beseelt.
Tage, Wochen, Monate, Jahre lebte ich –
ohne zu wissen, dass ich am Leben ward.
Oh, du wunderschöne holde Maid,
dein Blick, der straft mich kalt.
Und fing wieder an,
seinen Minnesang zu trällern.
„Oh, du wunderschöne holde Maid,
ich bin bereit!“
Die holde Schöne packte ihn am Kopf,
drückte sein Gesicht in den Boden
und zischte:
„Ich bin die, die ich bin.“
Er zog seinen Körper aus dem schlammigen Boden,
schaute in ihr Antlitz
und stammelte wieder:
„Oh, schöne holde Maid!
Oh, schöne holde Maid!
Ich bin bereit!“
---
Auf der anderen Seite des Feldes, dieser absonderlichen Zeremonie,
sprang – aus einer Gruppe Ritter und edler Recken – wütend
ein riesiger, grauer Ritter hervor
und stürmte auf das Pärchen zu.
„Nein! Schweigt! Ich bin der Auserwählte!“
Er riss sein Schwert aus der Scheide
und ließ es auf dem – am Boden knienden – Minnesänger niederrasseln,
sodass dieser alsgleich seinen Kopf verlor.
Dann kniete auch er
vor der sich langsam verwandelnden Gestalt
und fing an,
im Minnesang zu entschwinden:
„Oh, schöne holde Maid!
Oh, schöne holde Maid!
Ich bin bereit!“
Die angebetete, wunderschöne Maid
stieß auch sein Haupt
in den schlammigen Boden,
sodass der graue Ritter kaum noch Luft bekam.
Und sie rief erneut:
„Ich bin die, die ich bin!“
---
Dann erhob sie ihren nunmehr klobigen, transformierten, reptilartigen Fuß von seinem Nacken,
sodass sich der graue Ritter wieder aufrichten konnte,
schaute ihm kalt, grinsend in die Augen,
verschränkte die Arme vor ihrem nun riesigen, absonderlich veränderten Brustkorb
und offenbarte ihm in eben diesem Moment ihre froschartige Groteske.
Der graue Ritter erstarrte für einen Moment,
doch sein Zorn obsiegte über die schreckliche Metamorphose,
deren Zeuge er unglücklicherweise soeben geworden war.
Er wütete innerlich so stark,
dass er mehr tobte wegen der erniedrigenden – und seines ritterlichen Standes unwürdigen – Berührung
seines edlen Nackens durch einen Fuß,
der sein adliges Haupt gewagt hatte,
in den schlammigen, armseligen Feldboden niederzudrücken,
als dass er Furcht hätte aufkommen lassen –
bar der schauerlichen Szenerie.
---
Alsdann stand er auf,
zog sein Schwert
und rammte es sogleich
der eben noch Angebeteten
in ihren riesigen Brustkorb.
Doch oh weh!
Nicht das, was er erwartete, geschah.
Die nun furchtbare, froschartig aussehende Maid
erschrak nicht etwa,
als sie den harten Stahl seines Schwertes spürte,
der durch ihre Brust glitt –
so mühelos wie durchs Siegfrieds Rücken,
an der Stelle, wo das Lindenblatt ihn verwundbar machte.
Nein!
Sie lächelte kalt – grausig –,
während sie den grauen, edlen Ritter,
samt Schwert, an sich –
nein: in sich – zog,
bis dieser vollends verschwunden war.
---
Dann öffnete sie ihr froschartiges, riesiges Maul,
bückte sich nach dem Kopf
des – tot am Boden liegenden – Minnesängers
und verschlang diesen
mit einem einzigen, schrecklichen Schluck.
Dann schrie sie – kreischend, schaurig – in die immer unruhiger werdende Menge:
„Ich bin die, die ich bin!“
All die Anwesenden – Ritter, edle Recken und Minnesänger –,
die dieser schaurigen Verwandlung beiwohnen mussten,
welche sich soeben auf Höhe der Mitte des Feldplatzes zugetragen hatte,
stimmten in den bizarr klingenden Kanon ein:
„Oh, du schöne holde Maid,
wir sind bereit.“
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Lauter und lauter erhoben sich die Stimmen aller,
und mit jeder Wiederholung wuchs die Kreatur,
bis sie sich – fast verdreifacht –,
ausgehend von ihrer ursprünglichen Größe, erhob
und nun jedem sich ihre absurde Natur offenbarte.
Doch hindurch all dieser sich immer wiederholenden,
mantrahaften Sprechgesänge
war ein zartes, fast kaum wahrnehmbares Stimmchen zu hören:
„Nein, schweigt, ich bin der Auserwählte!“
---
Aus dem Einklang der repetitiven Stimmorgie gebracht,
verstimmt – und somit aus dem Takt geraten –,
verstummte, langsam doch stetig, die Menge.
Eine – fast zwergenhafte, im Vergleich zu allen anderen Anwesenden anmutende – Figur
bahnte sich ihren Weg durch die Menge.
Stolz und stark im Schritt
machte sich dieser, in einer weißen Ritterrüstung gekleidete,
ohne dass man nur den Hauch des Zögerns
an seinen kräftigen Schritten hätte wahrnehmen können,
auf,
um dieses sonderbar anmutende Schauspiel zu beenden.
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Er,
er kniete nicht nieder vor der Bestia,
so wie es zuvor der Minnesänger und der graue, edle Ritter getan hatten.
Ruhig – und dennoch laut genug,
sodass es alle Anwesenden wahrnehmen konnten –
wiederholte er seine Worte:
„Ich bin der Auserwählte.“
Die – nun nicht mehr schöne holde Maid –
schrie zorniger, inbrünstiger, zerschmetternder als zuvor:
„Ich bin die, die ich bin!“
„Nein, bist du nicht“,
erwiderte der, fast zwergenhaft ausschauende, weiße Ritter – stolz und unerschrocken.
„Wenn du die bist, die du bist,
dann bin ich der, der ich bin.“
---
Kaum hatte er die Worte ausgesprochen,
da verwandelte sich seine Erscheinung in ein tierisch schönes Etwas,
gleich einer Chimäre.
Seine Beine verdünnten und verlängerten sich um ein Vielfaches.
Sein Kopf verformte sich,
wobei ihm da,
wo eben noch sein Mund war,
ein riesiger Schnabel entsprang,
sodass sein neuerlicher Anblick eher dem eines riesigen Storches in Ritterrüstung glich
als einem zwergenhaften Recken von edlem Geblüt.
Und ehe die froschartige, grässlich-schaurige Maid die Situation begreifen konnte,
packte er sie
und schlang sie herunter –
so wie es Storche halt tun,
wenn sie Frösche verspeisen.
---
Die immer noch schweigende Menge,
die diesem epischen Akt beigewohnt hatte,
trat ihrerseits aus ihrer Stille heraus
und bewegte sich langsam auf die Mitte des Ereignisschauplatzes zu.
Sie grummelten erst leise, ungeeint,
dann singend, vereint:
„Oh, schöne holde Maid,
wir sind befreit.“
Sogleich verwandelte sich der tapfere, zwergenhaft wirkende, weiße Ritter
in seine Ursprünglichkeit zurück.
Und die Menge umschloss ihn,
bis er wieder völlig mit ihr vereint.
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Und so lebten alle Minnesänger, Recken und edlen Ritter –
und alle, die sich dafür hielten und gehalten wurden –
bis ans Ende ihrer Tage glücklich und frei –
ohne die schöne holde Maid.
Und wenn sie nicht gestorben sind,
dann singen sie noch heute.
J. L.