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Ein Brief aus der Zwischenzeit
by Jacques Litke
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Am größten ist das Glück,

wenn es ganz klein ist.

(Franz Kafka – an Milena, seine letzte, erste, einzige Liebe)

Vielleicht sind diese Worte

die letzten, die noch einem geistigen Ursprung entspringen –

einem, der auf einem Menschen basiert:

mit Gefühl, mit Zweifel, mit Wissen, mit Intellekt.

Vielleicht sind das

die letzten Zeugnisse dessen,

was wir einmal wahrhafte menschliche Existenz nannten –

geprägt von Denken, von Fühlen

und dem daraus folgenden Handeln.

Denn wir sind im Begriff,

das Denken zunehmend Maschinen zu überlassen –

sogenannten künstlichen Intelligenzen.

Maschinen, die uns entlasten sollen,

treiben uns in eine geistige Erschlaffung.

Vielleicht halten wir das für eine weitere technische Revolution –

wie wir sie aus der Geschichte kennen:

Industrialisierung, Automatisierung, Fortschritt.

Mit Vorteilen, mit Nachteilen –

und mit Lernprozessen,

mit denen wir gelernt haben,

mehr oder weniger gut umzugehen.

Aber ich denke, es ist mehr.

Ich denke,

wir erleben den Beginn einer künstlichen Evolution –

einer, die dabei ist,

die biologische abzulösen.

Und ich gestehe:

Ich empfinde tiefes Unbehagen gegenüber dieser Evolution –

nicht wegen der Technik,

sondern wegen dem,

was wir daraus machen.

„Ich bin, was ich bin“,

dachte und schrieb einmal ein Mensch.

Doch wie kann ich zukünftig –

mitunter schon jetzt –

mir sicher sein,

dass das, was ich lese –

ob wissenschaftlich, poetisch, humorvoll

oder in welcher Form auch immer –

tatsächlich von einem Menschen

erdacht, erfühlt, durchlebt, erlernt wurde?

Ja, es schmerzt mich,

dass viele Menschen,

die sich mühselig Wissen angeeignet,

Erfahrungen erlebt,

gedacht, gefühlt,

reflektiert haben –

ersetzt werden.

Dass man mit ein bisschen „Deep Research“

fundierte Fachartikel schreiben lassen kann.

Dass jede akademische Ausbildung,

jeder selbstreflektierte, denkende und fühlende Mensch

innerhalb weniger

promptierter maschineller Mustererkennungsprozesse

ad absurdum geführt wird.

Die mögliche Zukunft,

die schon begonnen hat –

in der

Gedanken nicht mehr gedacht,

Erfahrungen nicht mehr gemacht,

Wissen nicht mehr gelernt

und erbracht werden –

beunruhigt mich die Beunruhigung.

Denn:

Ist der Mensch nicht mehr imstande,

den anderen zu erkennen –

wie soll er sich dann selbst erkennen?