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Ein Traum, der seine Wucht verlor
by Jacques Litke
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Wenn ich heute lese, wie selbstverständlich große Unternehmen sich zu Diversität bekennen, wie leicht Begriffe wie Inklusion, Antirassismus und Empowerment über Webseiten und Werbekampagnen gleiten, frage ich mich manchmal:


Wann ist die Wucht dieser Worte verloren gegangen? Wann wurden sie so leicht, dass man sie herumwerfen kann wie Konfetti – und alles sieht gut aus?

Ich denke dann an Dr. Martin Luther King. An James Baldwin. An Menschen, deren Worte nicht zur Beruhigung gedacht waren, sondern zur Erschütterung.

King sprach von einem Traum, aber er sprach ihn in einer Welt, in der dieser Traum tödlich sein konnte – für ihn, für viele andere.


Baldwin schrieb mit Schärfe, mit Würde, mit Mut. Auch er hat seinen Preis gezahlt – mit jedem Satz, den er schrieb. Ohne Rückzug. Ohne Absicherung.

In einer Welt, die Begriffe entleert und verklärt, erinnert Baldwin uns daran, worum es wirklich geht:

„Alle westlichen Nationen wurden der Lüge überführt. Der Lüge ihres angeblichen Humanismus. Damit hat ihre Geschichte keine moralische Rechtfertigung – und der Westen keine moralische Autorität.“

Seine Worte wirken radikal.

Doch wer hinsieht, erkennt darin nicht Übertreibung – sondern schlichte Wahrheit.

Was Baldwin beschreibt, zeigt sich nicht nur in großen historischen Linien – es lebt weiter in den Fundamenten unserer Gegenwart.

Wenn man sich die Geschichte anschaut: Kolonien, Sklaverei, Vertreibung, Enteignung – alles betrieben im Namen von Fortschritt und Ordnung.

Wer Rassismus heute verstehen will, muss nicht bei Beleidigungen anfangen.


Sondern bei Besitz. Bei Systemen. Bei der Frage, wie ein Bild vom „Anderen“ erfunden wurde, um Macht zu sichern.

Und wenn ich sehe, wie leicht heute mit Worten jongliert wird – wie glatt die Sätze klingen, wie gut die Broschüren gestaltet sind –, dann denke ich an einen Satz, den man Alexander von Humboldt zuschreibt:


„Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung der Leute, die sie nie angeschaut haben.“

Und genau das scheint mir das Problem zu sein:


Dass viele die Welt beschreiben, aber sie nie wirklich angeschaut haben.


Dass sie Begriffe benutzen, ohne die Wirklichkeit dahinter zu kennen. Und dass sie sich mit Worten aufwerten, anstatt Strukturen infrage zu stellen.

Ich nutze hier Zitate – nicht, um mich größer zu machen. Sondern weil andere manchmal die Worte finden, die mir selbst fehlen. Worte, die ich nicht nur zitiere, sondern mittrage – weil ich sie verstanden habe. Weil sie mir begegnet sind, lange bevor ich diesen Text geschrieben habe. Und weil sie mir helfen, das auszudrücken, was ich so oft fühle – aber nicht immer in einem Satz fassen kann.

Rassismus ist kein Irrtum. Kein Missverständnis. Rassismus wurde gemacht. Mit Absicht.

Er wurde gebaut, um Besitz zu sichern. Um Menschen zu klassifizieren. Um Arbeit zu steuern. Um auszubeuten, ohne sich schuldig zu fühlen.


Er ist nicht aus dem Nichts entstanden, sondern aus einem ganz konkreten Interesse: Wer gilt als Mensch – und wer als Mittel zum Zweck?

Das ist der Boden, auf dem viele der heutigen Strukturen gewachsen sind. Auch wenn sie heute anders aussehen: in Konferenzräumen statt auf Feldern, in Algorithmen statt in Peitschen.
 Nur die Kulisse hat sich verändert – die Fragen sind geblieben:

Wer darf mitreden?

Wer wird gehört?

Wer gilt als kompetent – und wer als Risiko?

Aber genau deshalb frage ich mich:


Warum sprechen wir so wenig über das, was Menschen wirklich abhält, sich frei zu bewegen – in Wäldern, in Städten, in Gesprächen?


Es ist nicht nur die Hautfarbe. Es ist auch das Konto. Der Wohnort. Die Sprache. Die Scham. Die Müdigkeit. Die psychische Erschöpfung, die sich über Jahre aufbaut, wenn man ständig erklären muss, warum man dazugehört. Der tägliche Kampf um genug.

Vielleicht geht es auch darum, wie vielen Menschen die Mündigkeit genommen wird – nicht juristisch, sondern faktisch.


Weil ihnen zugehört wird, aber nicht geglaubt. Weil sie reden dürfen, aber nicht entscheiden. Weil sie sichtbar sind, aber nie gemeint.

Ein Beispiel:


Stell dir vor, du sitzt im Auto. Du wirst geschnitten, es war knapp, gefährlich. Im Bruchteil einer Sekunde siehst du: Am Steuer sitzt ein „Schwarzer“.
Und jetzt ganz ehrlich – denkst du in diesem Moment wirklich:


„Da hat mich ein People of Color geschnitten“?

Ich finde mich in diesen Begriffen nicht wieder.
Sie ordnen mich ein. Sie beschreiben mich nicht – sie rahmen mich.

Ich bin kein farbiger Mensch. Kein Mensch mit Migrationshintergrund. Ich bin auch nicht „Afrodeutsch“.


Ich bin ein Mensch. Punkt.

Und ich frage mich:


Was hätten Martin Luther King oder James Baldwin gesagt – „Ihr habt neue Worte für die Welt gefunden. Und ist sie dadurch wirklich anders?“

Ich glaube nicht.

Ich lebe mit Menschen. Höre zu, stelle Fragen, beobachte, begleite.


Nicht, um mich in Szene zu setzen, sondern um zu zeigen: Ich bin Teil dieser Welt.


Einer, der nicht nur über Sprache spricht, sondern auch über das, was darunter liegt.

Ich bin hier, um mich auszutauschen. Um mitzudenken, mitzufühlen, mitzureden. Aber nicht, um mich zu verkaufen.


Sondern weil ich glaube, dass man nicht schweigen sollte, wenn etwas schiefläuft – auch wenn es gut gemeint ist.

Ich glaube: Wir können nicht ändern, was wir nicht sehen wollen.


Und solange alte Muster in neuen Formen weitermachen, bleibt alles beim Alten – nur mit besserem Slogan.

Glänzende Worte beruhigen oft mehr, als dass sie etwas bewegen.


Dabei reichen die Wurzeln tief. Wer wirklich verändern will, muss tiefer graben. Auch dorthin schauen, wo es unbequem wird. Wo nichts mehr gut klingt – aber vielleicht endlich ehrlich.

Vielleicht ist dieser Text zu vorsichtig für die einen, zu unbequem für die anderen.
Vielleicht passt er in keine Schublade – nicht eindeutig wütend, nicht eindeutig versöhnlich.

Aber vielleicht ist genau das nötig: Dass wir uns wieder trauen, Zwischentöne auszuhalten. Uneindeutigkeit. Komplexität.

Wenn dieser Text also etwas ist, dann ein Versuch. Kein Urteil. Kein fertiges Konzept.


Nur ein Moment der Klarheit – mitten im Durcheinander.

Vielleicht fängt Veränderung genau dort an.