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Gegenstandslos
by Jacques Litke
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Eine Frau und Mutter steht mit ihrem Kind in einer Galerie
und betrachtet eine Leinwand,
auf der mit weißer Farbe – und nichts weiter – ein Bild entstanden ist,
unter dem steht: **90.000 Euro**,
und darunter eine kurze Beschreibung, ein Sujet:

> *Dieses Gemälde von Gustav K. stellt eine zeitlose versinnbildlichte Anthologie über die Überflüssigkeit des menschlichen Geistes in einer sich entfremdenden Welt dar.*

---

Das Kind fragt die Mutter:

> „Mutter, wo ist denn das Bild?
Ich dachte, wir sind in einer Galerie und wir schauen uns Bilder an.“

Hm, Karl, so heißt das Kind.

> „Siehst du’s denn nicht? Wir stehen doch direkt davor. Das ist hohe Kunst.“

Das Kind blickt vom Bild zur Mutter, von der Mutter zum Bild –
und fragt:

> „Aber hier ist doch nur ein Bild mit einer weißen Oberfläche und weiter nichts?“

Die Mutter antwortet, ruhig,
ohne den Blick vom Bild abzuwenden,
in einem schon fast allwissenden Tonfall:

> „Karl, das ist hohe Kunst.
Dein Verstand ist noch nicht groß genug, um diese geistreiche Komposition zu verstehen.
Wenn du älter bist und ein kluger, gelehrter Mensch, dann verstehst du es.“

Karl blickt hinauf zu seiner Mutter,
wobei sich seine Stirn runzelt – und fragt:

> „Mutter, was bedeutet denn geistreich?
Eine geistreiche Komposition?“

Die Mutter antwortete,
während sich ihre Augen verdrehten
und sich die Hand, die zuvor noch den Jungen festhielt, langsam löste:

> „Du wirst es verstehen,
wenn du so alt bist, dass du es verstehen kannst.“

Karl schiebt seine Hand,
die eben noch die Mutter festhielt, in seine Hosentasche,
wobei sein Blick immer noch auf dem Bild haftet.

> „Wann bin ich denn so alt, dass ich es verstehen kann?“

Die Mutter blickt auf den Jungen herab.
Auch ihre Stirn hat ihre Form verändert.
Ihre Augenbrauen haben sich gewölbt.
Zusammengekniffen sind ihre Augen,
die sich eben noch drehten.

> „Du bist so alt,
wenn du aufhörst, solche Fragen zu stellen.“

---

In diesem Augenblick tritt ein Mann von hinten
zwischen Karl und seine Mutter,
zieht seinen Hut und macht fast einen kleinen Knicks –
und sagt in einem sich selbst überschätzenden Ton:

> „Hallo Frau Schulz, schön, dass Sie auch hier sind.
Gibt es heute in der Wäscherei nicht viel zu tun?
Ich werde morgen bei Ihnen vorbeikommen
und habe schon ein Paketchen geschnürt,
so wie ich es ja immer tue.“

Dabei drängt er sich weiter zwischen Karl und seine Mutter,
sodass Karl aus dem Blick der Mutter zu verschwinden begann.
Sich leicht räuspernd, fügte er noch hinzu:

> „Ja, das ist wahre Kunst.“

*(Wobei sein Blick sich nicht vom Gesicht der Mutter löste.)*

---

Die Mutter, sichtlich irritiert,
sich ebenfalls räuspernd,
wobei sie eine kleine Faust bildete,
um sie vor ihren Mund zu halten:

> „Herr Meier“ –
(wobei ihre Stimme fast zerbrach) –
„schön, Sie auch hier zu sehen, nicht wahr?
Ja, das ist wahre Kunst.
Und Karl ist auch noch hier.“

*(Wobei ihr Blick Herrn Meier musterte
und sie erst in diesem Moment realisierte,
dass Karl aus ihrem Blick entfernt wurde.)*

Frau Schulz tastete den Körper des Herrn Meier
mit demselben Blick,
wie sie zuvor das Bild betrachtet hatte.
Sie suchte –
und fand dort Nichts,
außer das Offensichtliche.

In diesem Moment
zog sich das Kind,
indem es an dem Hosenbein Herrn Meiers zerrte,
ins Bild –
und somit in den Blickfang der Mutter zurück.

> „Ach, Karl, da bist du ja.
Wo hast du denn nun wieder gesteckt?“

*(Als wäre eine Ewigkeit vergangen.)*

Karl blickte verstört und fast schuldig in das Gesicht der Mutter,
wobei ihm im selben Moment der Blick des Herrn Meier traf.

> „Ich war hier“, sagte Karl,
„so wie ich die ganze Zeit hier war,
um das zu tun, worum wir hier waren –
und sind.“

Dabei drehte er sich wieder um –
sein Blick haftete wieder auf dem Bild.

> „Sei nicht klüger, als du bist“, sagte die Mutter in bissigem Ton.
„Du bist nur hier, weil ich es so wollte.
Aber ich hab’s schon gemerkt.
Dass du nichts verstehst.“

Karl zuckte für einen kurzen Moment innerlich zusammen,
als er den Tonfall der Mutter vernahm –
und die Bedeutung ihrer Worte sich verständlichten in seinem Innersten.

> „Mutter, du wolltest mir doch erzählen,
was geistreich bedeutet.
Und eine geistreiche Komposition.“

---

Herr Meier, sich glaubend wieder in Szene setzen zu müssen,
räusperte sich erneut und sagte:

> „Ja, ja, diese Kinder heutzutage –
immer wollen sie etwas wissen.
Und wenn man ihnen etwas sagt,
dann zweifeln sie es an.
Was soll nur werden,
wenn die Kinder den Erwachsenen nicht mehr glauben
und denken,
etwas Neues, etwas Besseres hervorzubringen
als die erfahrenen …“

Er stockte
und suchte nach einem Wort,
um den Satz zu Ende bringen zu können.

Doch Frau Schulz unterbrach ihn in seinem Gedankenabszess:

> „Du musst nicht alles wissen, Karl.
Du bist noch ein Kind.
Außerdem habe ich dir immer wieder gesagt:
Wenn Erwachsene sich unterhalten,
dann darfst du sie nicht unterbrechen.“

Und mit dem letzten Wort
wanderte ihr Blick wieder zu Herrn Meier.
Auf Augenhöhe.

Sie schüttelte den Kopf,
wandte sich ihrerseits wieder dem Bild zu und sagte:

> „Ist das nicht ein schönes Kunstwerk?
Es sagt so viel
und hat eine so weitreichende Bedeutung.“

*(Wobei sie das Wort „weitreichende“ auseinanderzog
wie einen schon längst ausgekauten Kaugummi.)*

> „Genau“, stimmte Herr Meier ein.
„Sie sagen es, Frau Schulz, Sie sagen es.
Was für eine Komposition – eine geistreiche.
Man kann nur vor Erhabenheit innehalten,
wenn man dieses Gemälde betrachtet.
Aber der Preis ist doch ganz schön hoch, finden Sie nicht?“

Dabei kniff er die Augen zusammen wie ein Fuchs –
und taxierte abwechselnd das Bild und Frau Schulz.

---

Karl, durch die Wortfetzen des Herrn Meier
sich selbst wieder in Erinnerung zu glauben gebracht,
sagte seinerseits:

> „Geistreich, ja Herr Meier –
geistreich.
Und Komposition.“

Frau Schulz, nun gänzlich genervt
und aufgeschreckt durch die Unbeirrbarkeit ihres eigenen Sohnes,
schrie schon fast im Mezzosopran:

> „Schweig doch endlich, Karl –
wenn sich zwei geistreiche Menschen unterhalten
über Kunst und Gedanken des Lebens,
die du noch nicht verstehen kannst!“

Und Herr Meier,
durch die Worte der Mutter zu einer Art Selbstermächtigung geführt,
stimmte zustimmend,
nickend
und auf Karl herabblickend:

> „Richtig.
Das solltet ihr lernen.
Zuhören.
Eine Tugend.
Oder war es eine Weisheit?
Heutzutage hört niemand mehr zu,
wenn etwas Geistreiches gezeigt oder gesagt wird.“

Dabei riss er die Augen auf,
als würde es zur Untermauerung und Verfestigung seiner Worte beitragen.

---

Diese scheinbare Symbiose,
die zwischen Herrn Meier und Frau Schulz in diesem Moment entstanden war,
zerbrach mit den Worten des Kindes
wie eine Blase der Nichtigkeiten:

> „Ich weiß nicht,
ob das eine geistreiche Komposition ist –
aber Kunst macht mich hungrig.
So wie die Fragen ohne Antworten.
Ich habe Hunger.
Können wir nach Hause gehen?“